Bewerbung Medizin

Jeder, der Medizin oder Zahnmedizin studieren möchte, sollte sich rechtzeitig vor der Bewerbung Gedanken zur Bewerbungsstrategie machen.

Es ist – unabhängig von der Abiturnote – sehr wichtig, die richtige Strategie zu wählen. So gibt es Fälle, in denen Abiturienten mit einer glatten Eins keinen Studienplatz bekamen, weil sie sich nicht über die Auswahlverfahren informierten. Andersherum gibt es tatsächlich für jeden eine Strategie, die zum Erfolg – also zum Studienplatz in der Humanmedizin oder Zahnmedizin führt.

Das Vergabeverfahren für Studienplätze in der Humanmedizin und in der Zahnmedizin wird in Deutschland zentral durch die Stiftung für Hochschulzulassung durchgeführt. Neben dem Abiturdurchschnitt spielen hier weitere Faktoren bei der Strategiewahl eine wichtige Rolle:

Hat ein Bewerber besonders gute Noten in naturwissenschaftlichen Fächern oder gar medizinische Berufserfahrung, kann er in den Auswahlverfahren einiger Universitäten (Auswahlverfahren der Hochschulen – ADH) ganz besonders punkten. Allerdings sind die Verbesserungsmöglichkeiten neben der Abiturnote begrenzt. Spätestens ab einer Abiturnote von 2,3 (Humanmedizin) ist eine Ausweichstrategie über private Hochschulen oder Hochschulen im Ausland notwendig, weil die Zulassung zum Medizinstudium außerhalb der Wartezeitquote an den öffentlichen Unis nahezu ausgeschlossen ist.

Natürlich stehen diese Ausweichstrategien auch sehr guten Abiturienten offen. Für die Priorisierung der Strategien haben wir dennoch folgende Grundannahmen zugrunde gelegt:

  1. Möglichst sichere Zulassung
  2. Möglichst zeitnahe Zulassung
  3. Möglichst geringe Kosten
  4. Möglichst unterbrechungsfreies Studium
  5. Studienstandort möglichst in Deutschland

Als Idealfall gilt also die sofortige Zulassung an einer staatlichen Hochschule in Deutschland – als ultima Ratio gilt das anerkennungsfähige Studium in einem kostenpflichtigen Studiengang im europäischen Ausland.

Grundlegende Einstufung der Bewerbungsstrategien am Beispiel der Humanmedizin:

 

A) Basisstrategie:

Optimale Nutzung der Auswahlregelungen der Studienplatzvergabe in Deutschland, um mit dem bestehenden Abitur durch das Setzen der richtigen Ortspräferenzen in den drei Vergabequoten die bestmögliche Zulassungschance zu erhalten.

|>> Strategie: Abiturbestenquote

  • Notenspektrum: Je nach Bundesland bis 1,2
  • Strategisches Ziel: Zulassung über Abiturbestenquote nach Bundesländern
  • Strategische Faktoren: Bundesland, Dienst, FSJ etc.

Vorteile:

  • Extra Chance auf Zulassung Keine Wartezeiten

Nachteile:

  • Je nach Bundesland des Abiturerwerbs selbst mit Abiturnote von 1,0 keine sichere Zulassung
  • Nachrangige Kriterien wie Dienst oder FSJ
  • Absicherung durch Strategie: AdH – Durchschnittsnote unabdingbar

|>> Strategie: Wartezeit

  • Notenspektrum: 7 Jahre Wartezeit bis Abiturschnitt 2,9. [Tendenz steigend]
  • Strategisches Ziel: Zulassung über Wartezeitqoute
  • Strategische Faktoren: Wartezeit, Abiturnote, Dienst, FSJ, etc.

Vorteile:

  • Sichere Chance auf Zulassung

Nachteile:

  • Über 7 Jahre Wartezeit
  • Vergabegrenzwert steigt kontinuierlich an, Gefahr des “Hinterherrennens”.
  • Nachrangige Kriterien, vor allem Abiturnote, bei Bewerbern mit gleicher Wartezeit

|>> Strategie: AdH – Durchschnittsnote

  • Notenspektrum: bis 1,4
  • Strategisches Ziel: Zulassung über Auswahlverfahren der Hochschulen (AdH)
  • Strategischer Faktor: Vergabeverfahren nur nach Durchschnittsnote

Vorteile:

  • Relative sichere Zulassung
  • Keine Wartezeiten

Nachteile:

  • Trotz sehr guter Leistungen im Abitur eine begrenzte Auswahl von Universitäten
  • Keine Berücksichtigung von Studieninhalten, Modellstudiengängen oder Ruf der Hochschule

B) Erweiterte Basisstrategie:

Aktives Verbessern der Bewerbungssituation durch zusätzliche Qualifikationsmerkmale, die in einigen Auswahlverfahren der Hochschulen besonders boniert werden.

|>> Strategie: AdH – zusätzliche Bonuspunkte erwerben

  • Notenspektrum: bis 2,3
  • Strategisches Ziel: Verbesserung in Punkteverfahren und Zulassung über Auswahlverfahren der Hochschulen (AdH)
  • Strategische Faktoren: Test für medizinische Studiengänge (TMS), berufspraktische Erfahrungen, etc.

Vorteile:

  • Deutliche Erhöhung der Zulassungschancen
  • Rein rechnerisch bis zu einem Abiturschnitt von 2,3 (Humanmedizin) möglich
  • Berufserfahrung sammeln
  • „Zweite Chance“

Nachteile:

  • Es ist eine sehr hohe Leistung im TMS notwendig / mindestens 3 Monate Vollzeit Vorbereitung auf den TMS
  • Ein Jahr Überbrückung nach dem Abitur
  • Eingeschränkte Auswahl von Hochschulen
  • Sehr komplexe Vergabeverfahren

|>> Strategie: AdH – Auswahltests und Auswahlgespräche

  • Notenspektrum: bis 2,3
  • Strategisches Ziel: Verbesserung in Punkteverfahren und Zulassung über Auswahlverfahren der Hochschulen (AdH)
  • Strategische Faktoren: Hamburger Naturwissenschaftstest (HAM-Nat), Motivationsschreiben, Auswahlgespräche, etc.

Vorteile:

  • Deutliche Erhöhung der Zulassungschancen
  • Persönlichkeit und naturwissenschaftliche Fähigkeiten werden berücksichtigt

Nachteile:

  • Chancen in Auswahlgesprächen nur mit Berufserfahrung gut
  • Intensive Vorbereitung notwendig:
    Lernen für den HAM-Nat, Motivationsschreiben formulieren, Lebenslauf erstellen, Auswahlgespräche vorbereiten
  • Wenige Standorte
  • Sehr komplexe Vergabeverfahren
  • Aussichten lassen sich schwer einschätzen

c) Ausweichstrategie:

Ab einem Abiturdurchschnitt von 2,3 ist eine direkte Zulassung für die Humanmedizin an einer staatlichen Hochschule in Deutschland nahezu ausgeschlossen. Es existieren glücklicherweise dennoch Möglichkeiten, Medizin zu studieren.

|>> Strategie: Verlosung

  • Notenspektrum: bis 4,0
  • Strategisches Ziel: Zulosung eines Studienplatzes im Losverfahren
  • Strategischer Faktor: Glück

Vorteile:

  • Jeder, der am Losverfahren teilnimmt hat die gleiche Chance
  • Abiturnote spielt keine Rolle

Nachteile:

  • Geringe Chancen
  • Nicht jede Hochschule bietet ein Losverfahren an

|>> Strategie: Quereinstieg

  • Notenspektrum: bis 4,0
  • Strategisches Ziel: Zulassung für alternatives Studienfach, Studienfachwechsel in die Medizin
  • Strategischer Faktor: anrechenbare Studienleistungen

Vorteile:

  • Gute Zulassungschancen bei Alternativ-Fach
  • Keine Wartezeit
  • Erhöhte Zulassungschance für das höhere Fachsemester

Nachteile:

  • Studiengebühren
  • Risiko, dass der Quereinstieg nicht funktioniert
  • Zulassung im höheren Fachsemester nicht sicher zu prognostizieren
  • Möglicherweise Rechtsweg notwendig

|>> Strategie: Privat studieren

  • Notenspektrum: bis 2,5
  • Strategisches Ziel: Zulassung an privater Hochschule
  • Strategischer Faktor: Noten, Persönlichkeit

Vorteile:

  • Gute Zulassungschancen
  • Neben den Schulleistungen spielt die Persönlichkeit eine Rolle

Nachteile:

  • Hohe Studiengebühren

|>> Srategie: Klageweg

  • Notenspektrum: bis 4,0
  • Strategisches Ziel: Zulassung auf dem Rechtsweg
  • Strategischer Faktor: Studienplatzklage, Abiturnote, Losglück

Vorteile:

  • Zulassungschance am Wunschort
  • Rechtsmittel nach Ablehnungsbescheid

Nachteile:

  • Hohe Kosten
  • Verhältnismäßig niedrige Erfolgsaussichten

|>> Strategie: Bundeswehr

  • Notenspektrum: bis 2,5
  • Strategisches Ziel: Zulassung als Soldat mit Verwendung als Sanitätsoffizier
  • Strategischer Faktor: Wehrdienst, Offizierslaufbahn, Verwendung als Sanitätsoffizier

Vorteile:

  • Auswahlverfahren der Hochschulen wird umgangen
  • Festes Einkommen (Wehrsold) und soziale Absicherung
  • Neben den Schulleistungen spielen die Persönlichkeit und die körperliche Fitness eine Rolle

Nachteile:

  • Verpflichtung für 17 Jahre als Soldat auf Zeit
  • Risiko, dass man nicht in die Verwendung als Sanitätssoldat eingeteilt wird
  • Männerdomäne

|>> Strategie: Ausland

  • Notenspektrum: bis 4,0
  • Strategisches Ziel: Zulassung an europäischer Hochschule
  • Strategischer Faktor: Flexibilität, Persönlichkeit

Vorteile:

  • Studienmöglichkeiten, unabhängig vom Abiturschnitt
  • Persönlichkeit und Fähigkeiten entscheiden über Zulassung
  • Renommierte Universitäten
  • Alle Abschlüsse in der EU werden gleichwertig anerkannt und eine Approbation für Deutschland wird erteilt, soweit auch alle anderen Bedingungen, wie beispielsweise Sprachkenntnisse und gesundheitliche Eignung nachgewiesen sind

Nachteile:

  • Studiengebühren
  • Studium und Leben im Ausland
  • Rückkehr nach Deutschland während des Studiums ist problematisch
  • Lernen der Landessprache neben dem Studium notwendig
  • Patientenkontakt im fremden Kulturkreis
  • Patientenkontakt in Landessprache
  • Vorurteile gegenüber osteuropäischen Hochschulstandorten