Expertenwissen für den Weg ins Medizinstudium


Berlin, 14. November 2015. Wer Arzt werden will, muss Medizin studieren. Aber wie kommt man an einen der begehrten Studienplätze? Auf dem Infotag Infotag_Medizinstudium_Berlin_Nov15Medizinstudium in Berlin geben Experten Antworten.

Die Zahl der Studienplätze in der Human- und Zahnmedizin ist beschränkt: 4 bis 5 Abiturienten bewerben sich jedes Jahr pro Studienplatz. Natürlich spielen bei der Vergabe der Studienplätze die Schulnoten eine wichtige Rolle. Aber nicht immer führt der Weg ins Medizinstudium über eine Abiturnote von 1,0. Auch berufspraktische Vorerfahrungen, wie Freiwilligendienste und Pflegepraktika oder besonders gute Leistungen in Zulassungstests können den Weg ins Medizinstudium ebnen.

Um Abiturienten mit Studienziel Medizin darüber aufzuklären, wie das genau funktioniert, lud die Berliner Studienberatung planZ am 14. November 2015 zum 3. Mal ins FORUM Berufsbildung in Berlin zum Infotag Medizinstudium: Rund 320 Besucher informierten sich auf der Abiturientenmesse über den Weg ins Medizinstudium.
Die Botschaft der Veranstaltung: Wer wirklich Medizin studieren will, findet auch einen Weg – auch wenn dieser manchmal steinig ist.

Rein rechnerisch, erklärte Patrick Ruthven-Murray, Studienberater und Autor des Ratgebers „Erfolgreich zum Medizinstudium“ (Hogrefe Verlag 2013), sei es möglich, mit einer Abiturnote unter 2,0 einen Studienplatz an einer der 35 öffentlichen Unis in Deutschland zu erhalten – auch ohne Wartezeit von 7 Jahren. Allerdings müssen Zusatzleistungen – wie z.B. ein Top-Ergebnis im Medizinertest, ein Freiwilligendienst und eine abgeschlossene Berufsausbildung – vorliegen. „Wer die Auswahlsatzungen der medizinischen Fakultäten genau kennt, kann seine Ortspräferenzen bei der Hochschulstartbewerbung optimal setzen und die Zeit nach dem Abitur so planen, dass die Zulassungschancen steigen“, so Ruthven-Murray. Je nach Abiturnote lohne es sich z.B., nach dem Abitur zunächst einen Freiwilligendienst zu leisten.


Mit Freiwilligendiensten und Berufserfahrung punkten

invia„Beim FSJ in der Klinik oder anderen Pflegeeinrichtungen kann gleichzeitig der Berufswunsch Arzt auf die Probe gestellt werden“, erläuterte Christina Heß, Bildungsreferentin bei IN VIA Berlin, Fachverband der Caritas. Außerdem könnten FSJ-ler in Auswahlgesprächen und Mulitple-Mini-Interviews, wie sie zum Beispiel in Greifswald oder an der Uni Münster durchgeführt werden, ihre besondere Studienmotivation und ihr Einfühlungsvermögen mit Beispielen und Erfahrungen aus dem Freiwilligendienst belegen.

„Das bringt Pluspunkte“, ergänzte Ruthven-Murray, betonte aber gleichzeitig: „Für Abiturienten mit einem Notenschnitt um 1,7, reicht der Freiwilligendienst allein nicht aus. Ein sehr guter Medizinertest kann außerdem notwendig sein!“ Alternativ könne man auch auf die Teilnahme am Hamburger Naturwissenschaftstest in Hamburg, Berlin oder Magdeburg setzen.


Medizinertest und Hamburger Naturwissenschaftstest HAM-Nat

leo
Die entsprechenden Insiderinformationen und Erfahrungsberichte zu den Auswahltests gab es aus erster Hand: „Übung macht den Meister! Wer einen Studienplatz haben möchte, muss möglichst viele Aufgaben richtig beantworten,“so Leo Goerke, Medizinstudent an der Berliner Charité. „Für die HAM-Nat Testvorbereitung muss man deshalb nicht nur das nötige Basiswissen in Bio, Chemie und Physik verstehen lernen, sondern unterschiedliche Aufgabentypen so oft üben, bis die Antwort quasi automatisch kommt. “Wem naturwissenschaftliche Kenntnisse fehlen, kann diese mit Hilfe von Oberstufenliteratur und Lehrbüchern aus den ersten Semestern gezielt nacharbeiten, ergänzte der Medizinstudent. Wer hingegen unter Anleitung besser arbeitet und erste Campuserfahrung sammeln möchte, nutzt zur Vorbereitung beispielsweise das kostenpflichtige Medical Preparatory Programm der Jacobs University Bremen, das sich auf dem Infotag ebenfalls präsentierte. „Studierende im Vorbereitungsjahr lernen die naturwissenschaftlichen Grundlagen nicht nur theoretisch sondern auch ganz praxisnah in Laborkursen – und zwar auf Deutsch und Englisch“, erläutert Janine Reinhard, Programmkoordinatorin an der JU Bremen, die Vorzüge des Vorbereitungsjahres.


Studienplatzklage und Quereinstieg

Bewerber, die sich in den Auswahlverfahren der Hochschulen nur wenige Chancen ausrechnen, können auch auf eine Studienplatzklage setzen. Prof. Dr. Christian Birnbaum, Kölner Fachanwalt für Verwaltungsrecht, warnte allerdings: „Bei der Studienplatzklage fürs erste Fachsemester konkurrieren eine Vielzahl von anderen Klägern um die Plätze“. Sein Tipp: Studienstart im Ausland, z.B. in einem englischsprachigen Programm in Osteuropa und späterer Quereinstieg ins höhere Fachsemester. „Hier lohnt es sich, die Rückkehr nach Deutschland rechtzeitig und mit anwaltlicher Hilfe vorzubereiten“, so Prof. Dr. Birnbaum.


Medizinstudium in Osteuropa

cocoZum englischsprachigen Medizinstudium im osteuropäischen Ausland informierte Laura Zester, Studienberaterin bei College Contact aus Münster, einer Repräsentanz ausländischer Universitäten. „Die Studiensituation an den osteuropäischen Hochschulen spricht für sich: Kleine Gruppen und ein intensives Betreuungsverhältnis sind die Regel. Aufgrund der internationalen Zusammensetzung der Studiengänge werden Englischkenntnisse, interkulturelle Kompetenz und Teamfähigkeit trainiert, die den Ärzten auch im Berufsleben zugutekommen,“ so Zester. „Das Medizinstudium im Ausland ist seit langem nicht mehr nur Notnagel für NC-Flüchtlinge, sondern in erster Linie eine wertvolle Erfahrung.“

Allerdings seien die englischsprachigen Programme im osteuropäischen Ausland ebenfalls zulassungsbeschränkt. Voraussetzung ist in der Regel das Bestehen eines naturwissenschaftlichen Zulassungstests, der natürlich gut vorbereitet sein sollte.


Medizinstudium in Österreich

tmsNeben dem osteuropäischen Ausland stand auch das Medizinstudium in Österreich auf dem Programm. „An den österreichischen Unis spielt die Abiturnote keine Rolle. Es erhalten diejenigen Bewerber einen Studienplatz, die beim österreichischen Medizinertest Med-AT am besten abschneiden. Für Bewerber aus Deutschland stehen aber nur 20% der rund 1.560 Studienplätze in Österreich zur Verfügung – auf die sich jedes Jahr über 5.000 Studieninteressierte aus Deutschland bewerben,“ so Alexander Frey, Medizinstudent der Uni Wien und Gründer von StudyTMS, einer Online-Plattform für die Vorbereitung des Med-AT in Österreich und des Medizinertests TMS in Deutschland. In Innsbruck, dem beliebtesten Standort für Deutsche, bewerben sich 28 Interessenten pro Studienplatz. Es bestünde zwar die Möglichkeit, mehrfach zum MedAT anzutreten, so Frey, die Testteilnehmer müssten sich allerdings darüber im Klaren sein, dass der Konkurrenzdruck extrem hoch sei. Wie beim HAM-Nat geht es bei der Vorbereitung also darum, viel zu üben, um Automatismen zu entwickeln.


Private Medizinische Hochschulen

In dProf. Dr. Pommerienen vergangenen Jahren haben sich in Deutschland neue Studienmodelle etabliert, um den Ärztemangel in ländlichen Regionen entgegenzuwirken. Ein Beispiel hierfür ist die Medizinische Hochschule Brandenburg Theodor Fontane, die einzige Hochschule in Brandenburg, die Mediziner ausbildet. Obwohl auch hier der Konkurrenzdruck auf die wenigen Studienplätze groß ist, kann sich ein Blick aufs Bewerbungsverfahren lohnen. Prof. Dr. Wilfried Pommerien, Studiendekan der Medizinischen Hochschule Brandenburg Theodor Fontane, ist überzeugt: „Ein Einser Abitur macht noch keinen guten Arzt oder Psychologen.“ Im Auswahlverfahren zukünftiger Studenten werde an der MHB deshalb nicht nur Wert auf Noten sondern auch auf Persönlichkeit gelegt. Auch im Studium gehe es neben der wissenschaftlichen Ausbildung der kommenden Ärztegeneration, auch um die Entwicklung kommunikativer Fertigkeiten und soziale Fähigkeiten, die den Patienten und dem gesamten Gesundheitssystem zu Gute kommen, so Prof. Dr. Pommerien. Um die ärztliche Versorgung in Brandenburg dauerhaft zu sichern, wird Studierenden ein Großteil der Studiengebühren erlassen, wenn sie sich im Gegenzug dazu verpflichten, Facharztausbildung in Brandenburg zu absolvieren.

Auch die Kassel School of Medicine hat ein Konzept entwickelt, um junge Ärzte dauerhaft an die Gesundheitsregion Nordhessen zu binden: Den vorklinischen Studienabschnitt verbringen die Studierenden an der renommierten britischen University of Southhampton. Nach zwei Jahren wird in die Klinik in Kassel gewechselt. Dr. Julia Schendzielorz, Bildungsmanagerin an der KSM erläuterte zum Auswahlverfahren: „Neben schulischen Leistungen werden auch nicht-akademische Kriterien, wie die Studienmotivation und das Ergebnis des Tests für Medizinische Studiengänge hinzugezogen.“

Andere Landkreise und Regionen setzen auf Stipendienmodelle, um junge Ärzte schon vor Studienabschluss zu binden. „Regionale Kassenärztliche Vereinigungen, wie etwa die KV Sachsen, vergeben Stipendien an Medizinstudierende im In- und Ausland, verlangen im Gegenzug aber, dass sich die Absolventen über einen gewissen Zeitraum verpflichten, im ländlichen Raum als Arzt tätig zu werden“, erklärte Martin Kütt, Finanzexperte beim Informationsportal jungmediziner.de.


Medizinstudium bei der Bundeswehr

bundeswehr

Wer bereits im Studium verdienen will oder muss, kann das Medizinstudium bei der Bundeswehr in Erwägung ziehen. Kapitänleutnant zur See Mario Prymuschala wies allerdings darauf hin: „Sie sind bei der Bundeswehr nicht nur Arzt, sondern auch Soldat und Vorgesetzter. Im militärischen Alltag spielen bundesweite Versetzbarkeit, Auslandseinsätze, Gefahr für Leib und Leben und die Verantwortung für die Ihnen anvertrauten Soldatinnen und Soldaten eine wesentliche Rolle.“ Entsprechend sei bei der Bewerbung nicht in erster Linie der „Numerus Clausus“ entscheidend, sondern die Eignung zum militärischen Führer und Vorgesetzten.

„Viele Wege führen ins Medizinstudium“, resümierte Ruthven-Murray die Veranstaltung. „Neben guten Noten helfen vor allem valide Informationen, die eine gute Planung für den einzelnen überhaupt erst möglich machen. Dabei möchten wir durch unserer Studienberatung – aber auch mit dem Infotag und anderen Veranstaltungen unterstützen. “

Die Termine zu den kommenden Infotagen zum Medizinstudium in Berlin und anderen Städten finden Sie unter www.planz-studienberatung.de/infotag-medizinstudium.

Kontakt:
Infobrief_MedizinstudiumPetra Ruthven-Murray
planZ Studienberatung
Carl-Herz-Ufer 31
10961 Berlin

Tel.: 030 / 61286923
petra.murray@planz-studienberatung.de

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