Auslandssemester an der University of Oklahoma in Norman, Oklahoma, 08-12/2015


Ein Gastbeitrag von Michael O., Ruhr-Universität Bochum mit vielen Praxistipps rund ums Auslandssemester. 
Über das MAUI/Utrecht Network Exchange Program, das einen Austausch zwischen ca. 20 europäischen Universitäten (in D: Bochum & Leipzig) und ca. 15 im Mittleren Westen der USA ermöglicht, konnte ich das Fall Semester 2015 an der University of Oklahoma (OU) verbringen. Interessierte können sich an der Heimathochschule bewerben, um von dieser für das Programm nominiert zu werden.

Vorbehaltlich der Erfüllung der formellen Voraussetzungen für die Zulassung an der Zieluniversität ist einem ein Platz an einer der drei bei der Bewerbung angegebenen
Wunschuniversitäten sicher, wobei man innerhalb dieser nach den entsprechenden Kapazitäten zugeteilt wird. Dies war jedoch absolut kein Problem, da weit mehr als nur drei der angebotenen Universitäten sowohl fachlich in Angebot und Qualität als auch im Gesamteindruck überzeugten.

Da nach der offiziellen Zulassung zum Programm und der Zuteilung zur US-Universität die nötigen Nachweise und Formulare inkl. der Finanz- und Sprachnachweise sehr zeitnah eingereicht werden müssen, ist es empfehlenswert, den Sprachtest bereits vorher zu absolvieren. Mit TOEFL oder IELTS ist die Gefahr sehr gering, damit nicht den Vorschriften der betreffenden Universität zu genügen.

Ebenfalls war es sehr wichtig, An- und Abreise frühzeitig zu planen, um nicht mehr als nötig zahlen zu müssen und noch eine sinnvolle Verbindung wählen zu können. Da die Move-In- und Move-Out-Zeiten beim Housing meist sehr strikt gehandhabt werden, sollte man auch eine ggf. benötigte Unterkunft für die Nächte davor oder danach sehr früh buchen. Speziell in den oft kleineren Uni-Städten in den USA gibt es manchmal nur ein sehr geringes Angebot an finanzierbaren Gasthäusern (die natürlich rings um Semesterstart und -ende stark nachgefragt sind).

Um die meist enorm überteuerten Krankenversicherungen der US-Universitäten zu vermeiden, ist es sehr empfehlenswert, sich bereits in Deutschland um eine Auslandskrankenversicherung für die USA zu bemühen – so muss man mitunter für die gleichen oder sogar bessere Leistungen nur ein Drittel bis die Hälfte der US-Preise zahlen. Auch werden meist eine Vielzahl an Impfungen verlangt, die teilweise auch über mehrere Dosen verteilt gegeben werden müssen, sodass man hier ebenfalls sehr frühzeitig alle Bedingungen und Empfehlungen prüfen sollte.

Sehr viel Zeit in der Vorbereitung auf das Auslandsvorhaben muss man auf die Beschaffung des Visums verwenden. Sich online durch die US-Bürokratie zu wühlen ist selbst für Deutsche nicht einfach. Hat man trotz teils wirrer Verlinkungen endlich alle notwendigen Formulare gefunden, muss man sich durch eine schier endlose Fragensammlung (Form I-901) quälen – vom Leben und den Berufen der ganzen Familie bis hin zu ca. 100 Fragen zur eigenen kriminellen oder terroristischen Vergangenheit sowie den Absichten, in den USA derart tätig zu werden… Danach muss man noch einen Interview-Termin in Frankfurt, München oder Berlin vereinbaren, um Unterlagen und Reisepass abzugeben und noch eine halbe Minute lang weitere Fragen gestellt zu bekommen. Man fühlt sich also im Vorfeld wirklich nicht besonders erwünscht oder willkommen in den USA.

Obwohl es auch an der OU für die Austauschstudierenden eine Einführungswoche mit einigen Veranstaltungen gab, war es sehr hilfreich, sich bereits im Vorfeld ein wenig mit dem Campus auseinander gesetzt und die Orte der wichtigsten Anlaufstellen für die ersten Tage angeschaut zu haben, um sich so schneller und besser auf dem doch recht großen Campus (ca. 14 km²) orientieren zu können.

Bei der allgemeinen Planung des Auslandsvorhabens haben mir die Gespräche mit den Zuständigen des International Office meiner Universität sowie mit dem betreuenden Professor meiner Bachelorarbeit sehr geholfen. Dort konnte ich jeweils von einer großen Menge an US-Erfahrung profitieren. Mein Professor gab mir auch viele wertvolle fachliche und allgemeine Hinweise zu der Wahl der Zieluniversitäten. So erfuhr ich z.B., dass es, um die USA und die amerikanische Kultur wirklich lebensnah kennenzulernen, empfehlenswerter sei, eine Universität in einer kleineren Stadt und weniger touristischen Region auszuwählen. Ebenfalls ausgezahlt hat sich die Zeit, die ich im Vorfeld für die Vorbereitung investiert habe, indem ich u.A. eine Reihe von Erfahrungsberichten und sonstigen Informationen gelesen habe. So konnte ich mehr aus der eigentlichen Zeit in den USA machen und potentiell unangenehme Überraschungen vermeiden.

Neben dem offensichtlichen großen Vorteil, dass einem mit einem Austauschprogramm die immensen Studiengebühren der US-Universitäten erspart bleiben, sind austauscherfahrene Universitäten auch eher auf internationale Studierende eingestellt und bieten ihnen daher ein vielseitiges und umfangreiches kulturelles und Beratungsangebot. Diese internationale Ausrichtung der Universität in einem sehr traditionellen amerikanischen Umfeld war die optimale Mischung für meinen Auslandsaufenthalt. So konnte ich die amerikanische Kultur, die trotz gemeinsamer Ursprünge doch zahlreiche Eigenarten aufweist, intensiv von innen kennen lernen und Kontakt zu vielen US-Amerikanern, aber auch anderen internationalen Studierenden aufbauen. Die mit diesem und ähnlichen Programmen ermöglichte Vernetzung der jungen Erwachsenen aus aller Welt kann in meinen Augen auf lange Sicht auch das Verständnis der Nationen untereinander verbessern –zuvor gänzlich „fremde“ Länder und Kulturen sind durch diese Erfahrungen und viele Unterhaltungen jetzt zumindest etwas vertrauter und eben weniger „fremd“. Dies kann wesentlich zum Abbau von Berührungsängsten mit Menschen aus anderen Ländern führen, was ich für einen sehr wichtigen und positiven Effekt von Austauschprogrammen halte. Dies ist eine einzigartige und besondere Gelegenheit, über die ich sehr froh und dankbar bin.

Schon im Vorfeld hatte ich oft gehört, welch überaus wichtigen Bestandteil der Identität und Identifikation vieler US-Amerikaner ihre Universität darstellt, und das sowohl während wie nach der Studienzeit. Der lebenslange Stolz auf die Alma Mater und ihre Relevanz kulminiert eindrucksvoll in den Uni-Sportmannschaften, allen voran dem American Football Team. An Spieltagen ist rund um das Stadion und auf nahezu dem gesamten Campus Ausnahmezustand – ein riesiges friedliches Straßenfest, bei dem sich die gesamte Stadt und viele aus der Umgebung versammeln, um zu Essen, zu Trinken, zu Feiern – und im Stadion oder im Fernsehen das Spiel zu verfolgen. Leistung und Ergebnis der Mannschaft am Samstag lassen sich am Montag danach deutlich an der allgemeinen Stimmung auf dem Campus erkennen – es war sehr beeindruckend, Teil dieses Gemeinschaftsgefühls durch die Uni und ihr Footballteam sein zu können. Ein weiteres großartiges Erlebnis hatte ich, als ich mit meiner über ein Universitätsprogramm erhaltenen Gastfamilie ein traditionelles amerikanisches
Thanksgiving im Kreis ihrer Großfamilie feiern durfte.

Auch studienbezogen war das Semester ein Gewinn für mich: Das US-Studiensystem mit seiner anderen Herangehensweise an Lehre und Vorlesungen forderte neue Arbeitsweisen und gute Zeitorganisation. Durch die deutlich höhere Zahl an einzureichenden notenrelevanten Studienleistungen während des Semesters musste man sich immer den Vorgaben entsprechend von Frist zu Frist hangeln. Es ist eine Herausforderung, bei dieser größeren Fremdbestimmung dennoch die notwendige Nachbereitung und die nicht mit Abgabefristen verbundenen Aufgaben im Auge zu behalten. Auch musste man lernen, die Aufgaben zur Einhaltung der Terminvorgaben generell schneller/effizienter und u.U. auch einmal nicht zu 100% vollständig oder zufriedenstellend zu lösen, da einem ansonsten die Zeit gefehlt hätte, die nächste Frist einzuhalten. Inhaltlich habe ich mich für Veranstaltungen entschieden, die ich so in Deutschland nicht hätte besuchen können.

So belegte ich zwei Kurse über angewandte Statistik, einen über multivariate Analysetechniken und einen über meteorologische Anwendungen – sie ergänzten die Theoriekenntnisse aus den zurückliegenden deutschen Vorlesungen optimal, sorgten für ein deutlich umfassenderes Verständnis der Materie und schafften ein tieferes Bewusstsein für in der reellen Anwendung notwendige Überlegungen und Herangehensweisen. Weiterhin besuchte ich eine Vorlesung über spezielle Themen der algebraischen Zahlentheorie, ebenfalls ein wichtiger und spannender Bereich der Mathematik.

Da es meiner Meinung nach bei einem Auslandsaufenthalt neben der studienfachlichen Fortbildung auch um persönliche Entwicklung und kulturelle Bildung gehen sollte, entschied ich mich dazu, eine Vorlesung über Schiedsrichter-Arbeit sowie einen Tanzkurs zu besuchen. Da ich seit fünf Jahren als Schiedsrichter für American Football tätig bin, war es überaus spannend für mich, jenseits der bekannten Praxis auf wissenschaftlicher Ebene mehr darüber zu lernen. Im Tanzkurs fand ich es besonders interessant herauszufinden, wie die Vorstellungen von Etikette und Höflichkeit in den USA aussehen, welche Tänze als besonders wichtig angesehen und wie diese Tänze gelehrt und technisch wie emotional aufgefasst werden.
Über wirkliche Enttäuschungen brauche ich glücklicherweise nicht zu klagen. Die einzige der Erwartungen, mit denen ich angereist bin, die sich zunächst nicht erfüllt hat, war, dass man nach der Ankunft sofort sehr viele US-Amerikaner treffen, sich mit ihnen anfreunden und den Großteil der Zeit mit ihnen verbringen würde. Durch die Mitbewohner, Veranstaltungen der Einführungswoche und die vielen Aktionen/Events für internationale Studierende lernte man zuerst doch größtenteils eher die anderen Austauschstudierenden kennen. Zu den meisten Kursen kommen die Studierenden erst recht kurzfristig und sind auch sehr schnell wieder verschwunden, da die Pausen zwischen den Kursen meist recht kurz sind. Wenn man dann selbst auch nach jedem Kurs die Gebäude wechseln und dafür 3,5km zurücklegen muss, bleibt einem nicht viel Zeit zum Verweilen.

Das Campusleben der US-Studenten spielt sich größtenteils in den allgegenwärtigen student organizations ab, von denen die meisten gleich mehreren angehören und sich dort engagieren. Ein großer Teil ist Mitglied einer fraternity oder sorority, diese bilden für nahezu alle Mitglieder den Mittelpunkt des sozialen Lebens. Darüber hinaus waren in Oklahoma christliche Organisationen ein sehr wichtiger Treffpunkt für die Studierenden. Alles in allem habe ich es aber nicht als Nachteil empfunden, neben einigen  Amerikanern (die man dennoch getroffen und mit ihnen Zeit verbracht hat) auch viele Internationals aus den verschiedensten Gegenden der Welt kennen gelernt zu haben. Letztlich gab es dadurch
einen deutlich abwechslungsreicheren und überaus interessanten kulturellen Austausch.

Ich kann jeder/jedem Interessierten einen Auslandsaufenthalt nur sehr empfehlen. Neben dem Interesse an Neuem und dem damit verbundenen Abenteuer denke ich, dass ein Auslandsaufenthalt einen fachlich wie menschlich sehr weiterbringen kann. Jedoch halte ich es für überaus wichtig, sich im Vorfeld ausführlich zu informieren, um das optimale Programm und den optimalen Ort finden zu können. Ebenso ist es meiner Meinung nach unerlässlich, auch nach der Entscheidung viel Zeit für die Vorbereitung zu investieren. Dazu sind sowohl Internetrecherche als auch mündliche wie schriftliche Erfahrungsberichte sehr hilfreich. So bekommt man bereits im Vorfeld realistischere Vorstellungen und Erwartungen bezüglich des Aufenthalts, die vor Ort dann Verwirrungen und Enttäuschungen deutlich minimieren können. Außerdem bietet eine bestmögliche Vorbereitung einem die Chance, die Zeit vor Ort dann auch wirklich optimal ausnutzen zu können.

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